#1 Coronafall im Chor und Eigenverantwortung von Philip Lehmann 13.03.2022 11:08

avatar

Alle Sänger sind sich der Gefahr einer Coronainfektion bewusst, wenn sie an einer Chorprobe teilnehmen.
Seit der hochansteckenden Omikron-Variante sind alle (gesetzlichen und privaten) Vorsichtsmaßnahmen nur noch ‚nett‘ und eigentlich wirkungslos.
Lüften, auf den Wegen Maske tragen und mit Abstand singen ist obsolet geworden und gaukelt eine falsche Sicherheit vor.
Mache dir klar: sollte ein coronapositiver (und ansteckender) Sänger im Chor singen, haben nach 90 Minuten Probe alle Sänger etwas vom Virus abbekommen.
Nur ein vollständiger Impfschutz kann das Risiko einer Ansteckung und Erkrankung massiv vermindern
(oder man kann halt draußen mit Abstand singen, wenn man so einen deppischen Impfverweigerer in seinem Chor zulassen will).
Das erkläre ich vor jeder Probe, auch wenn es einige nicht mehr hören können. Es ist im Prinzip ein rechtlicher Disclaimer. Ich spiele nichts runter.
Ich nehme dieses Risiko in kauf und halte meine Sänger für so mündig ihr eigenes Sicherheitsgefühl zu definieren und auch danach zu handeln.

Ich bitte alle meine Sänger mir bei einem positiven Schnelltest Bescheid zu geben, damit ich den Chor sofort informieren kann.
Ich will nicht erst auf einen PCR-Test oder ein Gesundheitsamt warten.
Das ist auch der Deal, den ich mit meinen Sängern habe: größtmögliche Transparenz.
Nach dieser Nachricht soll sich jeder zu Hause eine Woche lang täglich selbst testen, um sicher zu gehen (eine Pflicht dazu besteht nicht).
Meine Sänger sind alle geboostert. D.h. von ihnen müsste keiner in Quarantäne, d.h. auch ein ‚Falsch-Positiv‘ hätte höchstens emotionale Auswirkungen.
Bei der derzeitigen Inzidenz ist aber jeder positive Schnelltest wahrscheinlich korrekt…

Wenn nun jemand positiv war (z.B. am Morgen nach einer Probe einen positiven Schnelltest hatte, der sich dann auch durch PCR bestätigte)
und im schlimmsten Fall sogar andere Sänger einige Tage nach der Probe ‚positiv‘ getestet wurden und mit leichterem oder schlimmeren Krankheitsverlauf leben müssen,
fühlt sich dieser Sänger verantwortlich.
Da musst du helfend eingreifen.

Die gedankliche Prämisse ist: Ich kann meine Mitsänger und mich selbst nicht die ganze Zeit für mündig erklären und dann, wenn was passiert, auf einmal die ganze Verantwortung übernehmen.
Das ist sachlich verständlich, aber nicht immer sofort emotional erfassbar.
D.h. dieser Sänger, der ja nun für die Eintragung des Virus in die Probe verantwortlich war (tatsächlich sachlich korrekt),
ist nicht für die Anwesenheit der Mitsänger, und damit ihr persönliches Risiko und evtl. Infektion verantwortlich (tatsächlich sachlich korrekt).

Deine Aufgabe als Gruppenleiter ist es, den Sänger, der sich Vorwürfe macht, zu dieser zweiten Erkenntnis zu führen.
Der Sänger wird die sachliche Korrektheit sehr schnell bestätigen („Da hast du recht!“), aber emotional noch an der Eigenverantwortung hängen.
Lass dich also nicht beim ersten Bestätigen ruhigstellen, sondern nerve damit ruhig ein bisschen.
Stelle auch fest, dass dein Gegenüber das sachlich verstanden hat, aber dass du dich fragst, ob er das auch emotional spürt.

Nochmal: Jeder Sänger hat sich selbst in diese Situation gebracht. Eigenverantwortlich.
Die seit Monaten proklamierte und gelebte persönliche Mündigkeit zu respektieren und im Katastrophenfall auch zu akzeptieren ist nicht immer leicht, aber eines der höchsten Güter unserer Gesellschaft.
Es ist deine Aufgabe sensibel lenkend und überzeugend einzugreifen, wenn dieses Gut in Gefahr ist (und damit deinen Sängern auch persönlich schadet).

Auch du musst dich durch diesen Gedanken (vor dir selbst) schützen.
Du hast aber tatsächlich eine Verantwortung: nicht direkt für deine Sänger, aber dafür, dass du deinen Sängern transparent erklärt hast, was zu ihrem Schutz getan wird.
Du beaufsichtigst dann, dass diese Regeln auch eingehalten werden. Dann hast du alles dir Mögliche getan!
Wenn du wahrhaft mündige Sänger haben willst, musst du ihnen alle Informationen (nach deinem besten Wissen) geben.
Dazu gehört im Augenblick auch, dass man alle Sicherheitsmaßnahmen, die einem gesetzlich oder privat vorgeschrieben werden, relativiert.
Es gibt immer noch Sänger, die auf den Wegen fast panisch ihre Maske aufsetzen, um "sich und andere" zu schützen (also nicht nur weil der Gesetzgeber es vorschreibt), aber in der Probe dann aus vollem Hals ihre Aerosole in die Gegend sprühen und entsprechend die der Mitsänger einatmen (und beim Singen natürlich sehr tief einatmen! - da wo sich das Virus wohlfühlt...).

Ruhe dich also niemals auf diesen obsoleten Sicherheitsmaßnahmen aus!
Wenn du Proben anbietest, wirst du über kurz oder lang mit der oben geschilderten Situation konfrontiert sein.
Bereite dich innerlich vor.
Sei in deinen Maßnahmen transparent um Mündigkeit zu ermöglichen und dich selbst dadurch vor dir selbst und einem Gedankenkarussell (nicht nur rechtlich und/oder vor den Vorwürfen anderer) zu schützen.

(disclaimer: wie immer bei Rechtsfragen übernehme ich keine Verantwortung und rate dir dringend, dich von Fall zu Fall selbst zu informieren)

#2 RE: Coronafall im Chor und Eigenverantwortung von Annette 14.03.2022 15:38

avatar

Lieber Philipp,
vielen Dank für diesen Text. Das Thema ist überall so aufgeladen.
Meine SängerInnen sind da auch eher vorsichtig und kommen nun erst zaghaft wieder. Ich habe Angst, dass sie wieder weg sind, wenn der erste Fall auch bei uns passiert.
Irgendwie kann man davor aber auch nicht mehr weglaufen.
Ich will proben und haben dankbare TeilnehmerInnen. Was wir machen, wenn so ein Fall kommt, haben wir besprochen (so wie du es auch machst, aber wir lassen zur Sicherheit noch eine Probe in der Folgewoche ausfallen).
Ich werde die psychologische Seite in der nächsten Probe aber auch ansprechen.
Die wird (wie so häufig in den letzten Jahren) vernachlässigt und ich danke dir nochmals, dass du hier darauf hingewiesen hast.
Annette

Xobor Forum Software von Xobor
Datenschutz